„Alles im Leben ist zyklisch“ – Kea von Garnier schreibt auf 30+

Bild: Kea von Garnier
Bild: Kea von Garnier

Wer über das Online-Ich von Kea von Garnier stolpert, dem kann es passieren, dass er sich glatt ein bisschen verliebt – In Keas kluge Worte auf dem Blog thirtyplus, in ihr Fingerspitzengefühl für Schönes auf hello mrs eve und in ihr Netzwerk-Gen, mit dem sie die Bloggerinnen-Community „Hauptstadt Mädchen“ hegt und pflegt. Dass Kea eigentlich als Grafikdesignerin und Illustratorin Unternehmen deutschlandweit gut dastehen lässt, macht das Verliebtsein nur noch schlimmer. Wie das alles in Keas Alltag passt und warum sie sich regelmäßig vorstellt, auf dem Drei-Meter-Brett zu stehen? Wir haben da mal nachgefragt.

Arbeiten ist… im besten Fall verknüpft mit dem, das du liebst.
Leben ist… herausfordernd & wunderbar.
Älter werden ist… manchmal beängstigend, oft entspannend.
Feminismus ist… für mich eine Herzensangelegenheit.
Wer mich beeindruckt | Meryl Streep
Worauf ich verzichten kann | Klatsch-Magazine
Schmeckt immer | Basilikum

Kea, du managst zwei Blogs, das Bloggerinnen-Netzwerks „Hauptstadt Mädchen“, Selbstständigkeit und Privatleben – wie behältst du den Kopf über Wasser?
Thaha, oh ich saufe zwischendrin auch gern mal ab! Erst kürzlich habe ich darüber gebloggt, dass mir die vielen Hochzeiten, auf denen ich tanze, manchmal auch zu viel sind. Das merke ich dann an ganz profanen Dingen: Das Geschirr stapelt sich in der Küche, meine sauberen Socken werden rar. Und an meinen Augenbrauen! In Stressphasen vergesse ich die völlig. Wenn ich dann mit der Pinzette vorm Spiegel stehe, um aus Theo Waigel wieder Kea zu machen, ist das ein Signal an meinen Körper: Ahhh, jetzt kommt wieder ruhigeres Fahrwasser unter den Kiel.

Keine To-Do-Liste der Welt kann mich so sehr motivieren, wie meine Herzkraft.

Wie hältst du dein Boot denn am besten auf Kurs? Leidenschaft als Motor oder eher ausgeklügelte To-Do-Listen?
Leidenschaft, definitiv, Leidenschaft! Nichts gegen To-Do-Listen, ich führe welche, weil ich es als ungemein befriedigend empfinde, sie abzuhaken. Aber keine To-Do-Liste der Welt kann mich so sehr motivieren, wie es meine Herzkraft kann. Ein kreativer Flow ist ein wunderbares Geschenk – die Zeit verfliegt, man sprudelt vor Ideen, alles fließt. Das ist natürlich kein Dauerzustand und das versuche ich auch immer wieder in meinen Blogs zu thematisieren – alles im Leben ist zyklisch. Der Mond, die Jahreszeiten, Tag und Nacht, Yin und Yang. Ich versuche, in den Phasen des Wachstums und der Kreativität loszulassen – sinnbildlich die Zügel auf den Hals meines Pferdes zu werfen und es laufen zu lassen. Im Vertrauen darauf, dass es so lange vorangaloppiert, bis es müde wird. Und mir in dieser Zeit dann auch den Raum zu nehmen und zu erlauben, weniger Pflichten zu schaffen und die Augenbrauen eben Augenbrauen sein zu lassen. In den Erholungsphasen bemühe ich mich darum, mich liebevoll zu umsorgen, Alltagsdinge zu erledigen, Steuer, Zahnarzt-Kontrolle, solche Dinge. Es geht mir besser, wenn ich gegen diese Wellenbewegung nicht ankämpfe, sondern ihre Bewegung mitgehe – entweder volle Kraft voraus oder eben ganz entschleunigt. Es bringt nämlich genauso wenig, mich an einem schöpferischen Tag mit der Buchhaltung zu quälen, wie es unsinnig ist, mich in einer Phase, in der ich keinen Output liefern kann, an einen Logo-Entwurf zu setzen.

Seit 2014 schreibst du auf hello mrs eve, letztes Jahr ist thirtyplus dazugekommen. Was ist das wertvollste Learning, das du bisher aus dem Bloggen ziehen konntest?
Mich durchzubeißen, zum Beispiel. So vieles, was ich fürs Bloggen brauchte, war für mich ein Buch mit sieben Siegeln: WordPress. SEO. Der Umgang mit Kooperationen. Ich bin schrecklich schlecht mit Technik und habe auch oft in meinem Leben Dinge einfach nicht gemacht, weil ich zu viel Angst hatte, zu versagen. Der Blog hat mich motiviert, mir neues Wissen anzueignen und in Scheibchen zu denken. Die kleinen Erfolge zu feiern.

Gibt es da eine Blog-Erfahrung, die dir ganz besonders in Erinnerung geblieben ist?
Mein schönster Blog-Moment war der Kommentar einer Abiturientin, die sich bedankt hat dafür, dass ihr ein Beitrag von mir die Angst nehmen konnte, sich bei der Studienwahl zu vertun und das nicht mehr korrigieren zu können. Ist das nicht wunderbar?

Willkommen bei hello mrs eve - Hier geht's um Interior Design, Literatur & Achtsamkeit

Willkommen bei hello mrs eve – Hier geht’s um Interior Design, Literatur & Achtsamkeit

Absolut! Gibt es denn auch etwas, worauf du beim Bloggen gut und gerne verzichten könntest?
Verzichten könnte ich auf einiges: Rückmeldungen der Leser, die mich verletzen. In der Anonymität des Netzes sind schnell Dinge geschrieben, die dir niemand live ins Gesicht sagen würde. Aber das bietet natürlich auch die Lernerfahrung, nicht alles so sehr an sich rankommen zu lassen. Bei meinem ersten negativen Kommentar habe ich geheult wie ein Baby und wollte am liebsten den ganzen Blog löschen :D. Berühren tut es mich auch jetzt noch, wenn jemand nicht mag, was ich tue. Aber ich schaffe es immer öfter, mich dann auf die überwältigende Mehrheit von positiver Resonanz zu konzentrieren. Man wird es nie allen Menschen auf der Welt recht machen können – und DAS ist ein wahrhaft großartiges Learning, das man aus dem Bloggen ziehen kann. Es entspannt die Perfektionisten unter uns ungemein. ;)

Apropos Perfektionismus: Ich stelle immer wieder fest, wie schwer es mir fällt, meine Ideen in die Tat umzusetzen und raus ins Leben zu schicken. Stichworte: Unentschlossenheit und Schiss, nicht gut genug zu sein. Was hat dir dabei geholfen, deine Ideen anzupacken?
Ich habe ja seit dem Kindergartenalter eine massive Angststörung. Daher ist es mir absolut nicht fremd, die Hosen voll zu haben, wenn eine Herausforderung ansteht – egal, wie groß oder klein sie sein mag. Ich habe da so einen inneren Drei-Meter-Brett-Test. Wenn du dir insgeheim wünschst, dass da so ein allwissender Mensch käme, dem du vertraust und der dir einfach nur einen kräftigen Schubs gibt und dir sagt, dass alles gut wird und dann würdest du es tun – dann tu es! Dann bist du bereit, zu springen und diese Stimme, das geht dir irgendwann auf, ist deine eigene. Wenn du das Gefühl nicht hast und innerlich panisch am Geländer hängst – steig wieder hinab. Entweder ist der Zeitpunkt einfach noch nicht da und erzwingen sollte man nix. Oder dir stinkt das Herunterklettern so sehr, dass du dich wütend umdrehst und mit Anlauf springst.

Erzähl allen, was du tust! Die beste Dienstleistung der Welt hilft nicht, wenn niemand weiß, dass du sie anbietest.

In die Selbstständigkeit bist du ja auch gewissermaßen „reingesprungen“: Du hast dich schon früh als Grafikdesignerin selbstständig gemacht. Welchen Rat würdest du deinem jungen Gründerinnen-Ich heute geben?

Sich vorher besser zu informieren! Ich kam zu der Selbstständigkeit wie die Jungfrau zum Kinde. Wenn ich heute sehe, wie organisiert sich manche Freunde selbstständig machen – chapeau! Ich würde ein Gründer-Seminar besuchen, einen Business-Plan schreiben und hätte im Idealfall vorher in einem Job gearbeitet, der mir bereits Kontakte verschafft hat. All das hatte ich nicht und das waren unnötig harte erste Jahre. So oder so: Hätte ich einen Ratschlag an Menschen, die sich selbstständig machen: Kontakte, Kontakte, Kontakte! Erzähl allen, was du tust! Geh auf Netzwerk-Treffen, Stammtische, Messen. Die beste Dienstleistung der Welt hilft nicht, wenn niemand weiß, dass du sie anbietest. Und, weil Frauen – und auch ich – das gerne vergessen: Erzähl es selbstbewusst! Du kannst was! Entschuldige dich nicht dafür, dass du da bist und etwas machst, das ja auch jeder andere tun könnte. DU bist hier, DU tust es!

„Thirtyplus“ ist dein jüngstes Online-Baby, richtet sich an Frauen ab 30 und soll einen Raum ohne Druck bieten. Welcher Druck lastet deiner Erfahrung nach besonders schwer auf Frauenschultern ab dem 30. Geburtstag?
Bald ist mein erstes 30-iger Jahr um. Ich würde zwei Hauptbaustellen ausmachen: Der Jugendwahn. Und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Ersteres ist vor allem deshalb so problematisch, weil junge Mädchen bereits lernen, was sie sein sollen: Süß und hübsch anzusehen. Später kommt noch die Anforderung sexy dazu. Auf thirtyplus versuche ich, ein Gegengewicht dazu zu setzen, dem weiblichen Leben jenseits der 30 mehr Substanz zu geben. Denn wenn wir uns lange Zeit über unsere Attraktivität definieren, stecken wir später richtig in der Klemme, Sinnkrise und Minderwertigkeitsgefühle ahoi. Neulich stieß ich auf ein Video von Lean Cuisine, in dem Frauen vor einer Waage stehen und erzählen, was in ihrem Leben Gewicht hat – sie stellen nicht ihren Körper auf die Waage, sondern Symbole für das, was ihnen wichtig ist: Ihre Ausbildung, ihre Reisen, ihre Erfahrungen, ihre Familie. Ich finde, das ist ein wunderbarer Ansatz.

Der zweite Punkt ist schwieriger zu lösen. Was ich in meinem Umfeld sehe, besorgt mich: Viele Freundinnen sind gefangen zwischen ihrer Sehnsucht nach Familie und dem Wunsch nach Karriere, das ist eine enorme Doppelbelastung. Der Druck, der auf den Frauen heutzutage lastet, ist riesig. Ich wünsche mir deshalb mehr gegenseitigen Support, statt Stutenbissigkeit, ich wünsche mir mehr Gelassenheit, eine entspannte Fehlerkultur. Und natürlich eine berufliche Infrastruktur und ein anderes Selbstverständnis der Männer, um die familiären Pflichten auf mehreren Schultern zu verteilen.

Ja, ja und ja! Das kommt mir viel zu bekannt vor. Das sind tatsächlich Baustellen, die mich auch regelmäßig in die Knie zwingen. Bei mir hilft dann nur noch, alte Britney Spears-Musikvideos auf Youtube anzuschauen. Was machst du, wenn gar nichts mehr geht?
Oh, da würde ich mitsingen! Aber tatsächlich hilft es mir sehr, Musik aus meiner Kindheit oder frühen Teeniezeit zu hören. Das bringt mich näher an mein ursprüngliches Selbst zurück, zur Verbindung mit meinem Wesenskern. Der schon lange da war, bevor das „Erwachsensein“ und all die Pflichten und Sorgen, die damit verbunden sind oder sein können, auf mich eingeprasselt sind. Ansonsten: Atem-Meditation. Gerne gehend, im Wald, in der Natur. Auch das erdet mich und bringt mich „back to the roots“. Und wenn sich alles mal völlig sinnlos anfühlt: Tiere beobachten, oder Kinder. Beide haben noch so eine unschuldige Freude an kleinen Dingen: Ein Eis essen, in der Sonne liegen, Purzelbäume machen. Das rückt den Blick zurecht.

Wenn alles zu viel wird: Eis, Purzelbäume und Naturzeit!

Wenn alles zu viel wird: Eis, Purzelbäume und Naturzeit!

Und wenn du einen Blick Richtung Zukunft wagst, welche Herausforderungen und Stationen liegen für 2016 auf deiner persönlichen Lebensreiseroute?
Für 2016 steht ein zweites Studium ganz oben auf meiner Agenda: Ich möchte neben meiner Selbstständigkeit Literaturwissenschaften und Gender Studies studieren. Und das bedeutet zwangsläufig, dass ich Abstriche bei meinen anderen Projekten machen muss. Ich fürchte, mein Zweitleben in Berlin werde ich aufgeben müssen, das ist nicht leicht für mich. Also schätze ich, die Herausforderung für 2016 lautet: loslassen lernen. Außerdem träumen mein Mann und ich davon, in eine Hofgemeinschaft zu ziehen. Mit anderen Menschen naturverbunden leben ¬– das wäre ein Traum!

Alle Menschen sind heutzutage so zielorientiert, so gehetzt. Dabei geht es nicht ums Ankommen, es geht ums Unterwegssein.

Und zum Abschluss: Welchen Tipp für die Reise durchs Leben würdest du gerne mit allen da draußen teilen?

Ich habe kürzlich einen Film gesehen, in dem sich zwei Rentner verlieben. Eines Tages machen sie einen Schlitten-Ausflug in den Winterwald. Schließlich stehen sie zwischen den Tannen, die Frau schaut in die verschneiten Wipfel, bewundert die Schönheit des Augenblicks und sagt: „Ich glaube, ich habe mein ganzes Leben mit der falschen Geschwindigkeit gelebt.“ In diesem Sinne wäre mein Reise-Tipp: Nimm dir Zeit, genieße den Augenblick, denn mehr haben wir nicht. Alle Menschen sind heutzutage so zielorientiert, so gehetzt. Als ob wir uns in einem Dauerlauf befinden würden und am Ende wartet ein goldener Pokal. Dabei geht es nicht ums Ankommen, es geht ums Unterwegssein. Und es wäre doch bei einer Reise ohne Zielbahnhof verdammt Schade, wenn wir so schnell dahin rasen, dass die Aussicht verschwimmt.

Merci, liebe Kea.

Wenn ihr jetzt noch viel mehr von und über Kea wissen wollt (und davon ist auszugehen), haben wir spitzenmäßige Nachrichten: Euer Glück liegt nur einen Klick entfernt: Klick!

2 Comments

  • Giv. sagt:

    Super tolles und herzliches Interview! Das liebe ich an Kea – sie ist einfach so herzlich normal und menschlich. Das macht sie super sympathisch. :-)
    Liebe Grüße,
    Giv.♥

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