Das Potential von Wut

Das Potential von Wut
Bild: Glyphs

Wut – Eine Grundemotion, die in unserer Gesellschaft verpönt ist. Ein kleines Plädoyer für das kreative Nutzen von Wut.

 

Die Wut ist wahnsinnig facettenreich. Was gibt es alles für herrliche, wütende Charaktere, die eine Story erst so richtig in Fahrt bringen: die böse Hexe des Westens, Hades, die Braut in „Kill Bill“, William Wallace, … die Angry Birds. Die Wut selbst kann blind sein, gleißend, schreiend, lähmend, schäumend, ungezähmt, rasend – und ist so verpönt.

Wut ist eine Grundemotion des Menschen, aber gesellschaftlich sehr negativ besetzt. Wer wütend ist, hat sich nicht unter Kontrolle. Und Selbstkontrolle ist das Nonplusultra. Denken wir nur an den Hulk! Warum diese negative Konnotation? Weil Wut meistens direkt mit dem Affekt der Aggression gleichgesetzt wird. Verbale und körperliche Gewalt können eine Konsequenz von Wut sein – müssen aber nicht. In Momenten der Zufriedenheit umarmen wir ja auch nicht plötzlich jeden.

Die Emotion sollte gefühlt und genutzt werden dürfen

Da also angenommen wird, dass jeder Mensch, der einen wütenden Moment hat, direkt Fenster zertrümmert oder dem Nächstbesten ins Gesicht tritt, ist es nicht verwunderlich, dass die meisten Artikel zum Thema aufzeigen, wie wir Wut überwinden oder gar nicht erst aufkommen lassen sollen. Doch Wut ist wie gesagt eine Grundemotion. Sie sollte gefühlt werden dürfen. Unterdrückte Wut führt laut vielen, vielen Studien zu vermehrtem Stress, zu Frustration – sogar zu Depression, wenn sie gegen einen selbst gerichtet wird.

Wut sollte gefühlt werden dürfen

Die Wut ist also eine verzwickte Sache. Sie kann so vieles sein, positiv, negativ – und sie wird politisch genutzt. Es gibt jene, die wütend sind und um jeden Preis ihre emotional getriebene Meinung rauspoltern, jene, bei denen sich Zorn in Ohnmacht äußert, und wiederum jene, die nicht wissen, wohin mit sich und ihrem Ärger und ihn gegen Fremde(s) wenden. Wut entsteht also auch oft aus Angst, gerade weil bestehende Werte von anderen geändert, berührt oder verletzt werden. Wird dann der Gesamtkontext ausgeblendet und die Emotion führt zu aggressivem Handeln, ist Wut natürlich eine gefährliche Sache. Ich plädiere also keinesfalls für Rumwüten à la Hulk – oder Nazis. Wut soll sein dürfen – aber rational betrachtet, analysiert und produktiv genutzt.

Katalysator für gute Taten

Denn wann entsteht Wut? Wenn Ungerechtigkeit wahrgenommen wird, ob gegen einen selbst oder gegen andere gerichtet. Wir empfinden Wut, um zu erkennen, dass wir mit der Situation unzufrieden sind – und dass wir etwas ändern müssen. Danke, Wut! Wäre sie nicht da, was wäre unser Kompass? Wir hätten nur die Gleichgültigkeit, die uns tatenlos dahinvegetieren ließe.

Wut kann also ein Katalysator für gute, hilfreiche Taten sein. Ärger über rassistische Parteien, Tierquälerei, fehlendes gesellschaftliches Miteinander – das sorgt dafür, dass wir aufstehen und demonstrieren und etwas zum Positiven ändern möchten. Warum sollten immer nur „die Bösen“ wütend sein dürfen? Wenn das so weiter geht, gewinnen sie die Überhand – weil sie auf Emotionen hören (und das wahrscheinlich nicht sonderlich reflektiert).

Von Wutbürgern und wütenden Bürgern

Gerade jetzt ist eine gute Zeit, um die eigene Wut über Ungerechtigkeit zu erkennen und sie als Indikator dafür zu sehen, dass etwas schief läuft und geändert werden muss. Dazu müssen wir nicht direkt zu den viel diskutierten „Wutbürgern“ mutieren. Wutbürger – ein Begriff, der 2010 zum „Wort des Jahres“ gewählt wurde. Kurze Zeit später plädierte ein Germanist für eine Nominierung zum „Unwort des Jahres“, da der Zusatz „Wut“ das Engagement der Bürger herabwürdigen würde. Wieso? Weil das Wort nun einmal negativ besetzt ist. Der Wutbürger ist per Definition gegen Wandel und somit das Gegenteil eines Weltbürgers. Dieses Dasein sollten wütende Bürger nicht fristen. Wer seine Wut erkennt, ihren Kontext versteht, verarbeitet und daraus Schlüsse zieht, die nicht nur den eigenen Interessen dienen, sondern der Gesellschaft helfen, der nutzt seine Wut kreativ und produktiv.

Wut erkennen, fühlen – und vernünftig nutzen

Egal, ob Mann oder Frau: Für ein Recht auf Wut

Ein klitzekleines Stück sind wir ja schon fortgeschritten der gesellschaftlichen Akzeptanz von Wut – bei Männern. Im Fußballstadion beispielsweise, immer noch eine Männerbastion, wird Zorn gegen den Gegner und den Schiri fast erwartet. Und ist ein Mann im Arbeitsumfeld wütend, darf er eher „auch mal so richtig auf den Tisch hauen“, „Rabatz machen“, er darf laut werden – denn er ist dann der energische, mutige Anführer.

Stellen wir uns denselben Moment mit einer Frau vor, die aus ihrem Ärger über eine unfaire Arbeitssituation heraus in klaren, unverblümten Worten sagt, was geändert werden muss. Typische Reaktionen aus dem Umfeld (meistens hinter dem Rücken der Person): „Woher kommt das denn auf einmal?“, „Zicke“, „Hat bestimmt ihre Tage“, usw. Das ist nur ein Beispiel dafür, dass wir auch hier noch lange nicht bei Gender Equality angekommen sind – und das bei Emotionen, einem Bereich, den jeder ganz klischeehaft doch eher den Frauen zuordnen würde.

Kurzum: Die Wut fristet ein sehr negatives Dasein, dabei kann sie ein hervorragender Wegweiser für uns und unsere Gedanken sein. Jeder Mensch, der den Grund für seine Wut erkennt, analysiert und kreativ für Veränderung nutzt, kann nur Weiterkommen. Wer das Potential seiner Wut nutzt, kann etwas bewegen, im Kleinen und im Großen.