Gehen oder bleiben? Die Praktikumsfrage.

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Nachdem das „Archiv“ (Keller) aufgeräumt, der Kaffeevollautomat gereinigt und der Notizblock mit Bestellungen der Kollegen für’s Mittagessen vollgeschrieben ist, öffnet sie das E-Mail-Postfach namens praktikant2714[at]firmenname.com. Und plötzlich überkommt sie wieder diese Welle der Gewissheit, dass sie vollends austauschbar ist. Während The Clash im Hintergrund ihres Verstandes immer lauter „Should I stay or should I go?“ performt, wird ihr immer bewusster, dass sie eine Entscheidung treffen muss.

Klingt irgendwie bekannt?

Viele werden sich wahrscheinlich bei mindestens einem Praktikum gefragt haben, wie um alles in der Welt sie in diese Situation geraten sind – und ob und wofür sie sich das wirklich antun müssen. Ob sie das Praktikum abbrechen.

In einer solchen Situation, wie aber auch generell im Leben, sollte man zuerst die eigenen Beweggründe hinterfragen. Warum mache ich das alles hier eigentlich? Aus irgendeinem Grund werde ich mich für dieses Praktikum beworben haben.

Hier haben wir sie, die blaue und die rote Pille.

Szenario 1. Es ist ein Pflichtpraktikum, das absolviert werden muss. Sprich, es ist wirklich Pflicht (und ist nicht „eigentlich freiwillig“, wird aber „Pflichtpraktikum“ genannt, damit der Arbeitgeber sich um den Mindestlohn herumschummelt). Ob hier oder woanders, ob etwas gelernt wird oder nicht, völlig egal, die nächste Etappe wird erreicht, wenn X Wochen in einem Unternehmen überstanden sind. Bei Abbruch heißt es: neu suchen, Zeitplan verschieben. Was soll man da sagen? Durchhalten. Wohl oder übel. Außer natürlich, die Zeit dort bereitet psychische und/oder physische Schmerzen, an diesem Punkt sollte man auch die auch noch so notwendige Absitzzeit abbrechen.

Szenario 2. Dieses Praktikum ist freiwillig. Ich habe mir den Bockmist selbst ausgesucht.

Hier stellt sich wieder die Ausgangsfrage: Warum?

Aus Neugierde und Interesse am Beruf?
Aus dem unterschwellig herrschenden gesellschaftlichen Druck, in Zeiten von Bachelor und Master in jeder freien Minute so viel praktische Erfahrung wie möglich sammeln zu müssen?
Weil das Unternehmen bestimmt gut auf dem Lebenslauf aussieht?

Jeder hat seine eigenen Beweggründe. Und für alle gibt es völlig individuelle Antworten, ob es sich „lohnt“, ein Praktikum abzubrechen oder durchzuziehen. Für die einen ist es die Erfüllung schlechthin, einen wichtigen Namen im Lebenslauf zu führen, für andere ist das kein Argument, ein langweiliges Praktikum abzusitzen.

Auftritt des dritten und wichtigsten Warums: Was will ich hier in dieser Zeit lernen, was verspreche ich mir von diesem Praktikum, mit welchen Erfahrungen und Kenntnissen möchte ich am liebsten am Ende hier rausgehen? Ergo: Warum das Ganze?

Decken sich die Erwartungen nicht mit der Realität, ist es Zeit, den Mentor (und falls es diesen nicht geben sollte, den nächsten Vorgesetzten) darauf anzusprechen. Vielleicht wurden die gegenseitigen Erwartungen zu Beginn des Praktikums nicht formuliert, das kann nachgeholt werden und zu passenderen Aufgaben führen.
Gibt es keinerlei Stützpfeiler, die dieses Praktikum am Ende für einen selbst als sinnig und wertbringend erscheinen lassen, ist ein vorzeitiges Ende keine Schande. Im Gegenteil, es zeigt, dass ich weiß, wer ich bin und dass ich weiß, was ich möchte. Beziehungsweise was nicht. Ein ätzlangweiliges, zeitraubendes, im Grunde sinnfreies Praktikum. Wer will das schon? Und warum?

>> Julia hat eine Anstellung als Studentische Hilfskraft in einem renommierten Betrieb vorzeitig beendet und freut sich bis heute über die zurückgewonnene Lebensqualität – und bereut es, nicht schon eher aufgehört zu haben. Bisher wurde sie nur in einem Vorstellungsgespräche darauf angesprochen und hat die eigenen Beweggründe für das frühzeitige Ende erklärt. Den Job hat sie bekommen.