Wie geht eigentlich Glücklichsein?

Bild: VisualHunt

Nicht der geschickteste Schachzug, doch es sei gleich vorweg gesagt: Hier wird leider nicht das große Geheimnis um’s ewige Glück gelüftet, kein Allheilwundermittel für den ununterbrochenen Glückszustand vorgestellt. Aber vielleicht nähern wir uns gemeinsam ein kleines Stück an das, was wir als Glücklichsein bezeichnen. Doch – kann das überhaupt ein Dauerzustand sein? Konstantes Glücksempfinden?

Dazu müssten wir zunächst einmal verstehen, womit wir es überhaupt zu tun haben. Das Glücklichsein. Wenn das nur so einfach wäre. Dann würden sich nicht weltweit unzählige Wissenschaftler, Philosophen, Schriftsteller und im Grunde jeder Mensch mit der Suche nach dem Glück beschäftigen. Wann sind wir überhaupt glücklich?

Momente genießen

Einer jener Wissenschaftler, die man auch als Glücksforscher bezeichnen könnte, ist Dr. Matt Killingsworth. Er hat die „Track Your Happiness“-App entwickelt, einen Fragebogen, aus dessen Datensätzen er Schlussfolgerungen über das menschliche Glücksempfinden ableitet. Nunja, zumindest das Glücksempfinden von iPhone-Besitzern, denn die App gibt es bisher nur für iOS. Aber Krittelei beiseite, knapp 35.000 Menschen nehmen laut Eigenaussage regelmäßig an den Befragungen durch die App teil. Die Teilnehmer erhalten einen kurzen Fragenkatalog, den sie idealerweise just im Moment des Empfangens ausfüllen.

Fragen, die gestellt werden, sind:

Wie geht es dir gerade? Auf einer Skala von „sehr gut“ bis „sehr schlecht“.
Musst du das, was du gerade tust, tun? Ja oder Nein?
Wie produktiv schätzt du dich gerade ein?
Um wie viel Uhr bist du gestern Abend schlafen gegangen?
(…)
Möchtest du das, was du gerade tust, wirklich tun?

Uff. Der Klopper kommt zum Schluss. Eine fast philosophische Frage. Doch sie sollte so einfach wie möglich behandelt, aus dem Impuls heraus beantwortet werden. Denn die Antwortmöglichkeiten sind: Ja oder Nein. „Wer sich diese Frage bewusst mehrmals am Tag stellt, setzt sich bewusster mit sich selbst und dem eigenen Handeln auseinander“, sagt Killingsworth. Stichwort: Achtsamkeit. Was erlebe ich gerade in diesem Moment und was genau empfinde ich eigentlich dabei?

Glück und Achtsamkeit

Matt Killingsworth sucht in seinen Datensätzen nach Mustern – und hat nach fünf Jahren Datensammlung die erste Erkenntnis: Menschen sind dann am glücklichsten, wenn sie sich auf genau das konzentrieren, was sie gerade tun. Denn eine zentrale Frage von „Track your Happiness“ ist auch: Schweifen deine Gedanken gerade von dem ab, was du tust?

Seine Befragungen ergaben bisher, dass die Menschen, deren Gedanken ganz bei der Sache waren, sich selbst als wesentlich glücklicher bezeichneten, als jene, die in Gedanken woanders waren. Killingsworth schlussfolgert: Abschweifende Gedanken sind vielmehr ein Grund für Unzufriedenheit, als ein Resultat daraus.

„A wandering mind is an unhappy mind.“
Matt Killingsworth

Ein Schritt zum Glücklichsein ist also, die Aufmerksamkeit auf das zu lenken, was wir gerade tun, statt mit den Gedanken anderswo hinzuwandern. Zurück zum Jetzt. Runterfahren, nicht zwölf Dinge gleichzeitig tun, sondern Schritt für Schritt agieren und uns unserer Taten bewusst werden. Zu dieser Achtsamkeit gehört ein wichtiges Element: Zeit.

Tempo drosseln

Der Journalist Carl Honore hat einen interessanten TED-Talk dazu gehalten: „In Praise of Slowness“. Hier erzählt er, wie er sich selbst dabei erwischt hat, dass er alles immer schneller erledigen wollte, selbst das Gute-Nacht-Geschichten-Lesen für seinen Sohn. An dieser Stelle wurde ihm bewusst, dass unsere immer schneller werdende Gesellschaft es uns einfach macht, nicht über uns selbst nachzudenken. Wer nur so durch den Alltag rast, hat keine Zeit sich zu fragen: „Bin ich überhaupt zufrieden mit dem, was ich tue? Bin ich glücklich?“ Wer schnell, produktiv und effizient arbeitet, ist erfolgreich, keine Frage – denn Langsamkeit wird bei uns mit Dummheit gleichgesetzt. Ein großer Fehler, wie Carl Honore feststellt, denn wenn wir unser Tempo drosseln, können wir ganz bei uns sein, den Moment erkennen und genießen und uns unserer Gefühle bewusst werden. Das Schöne im Moment erkennen – achtsam sein.

Rückschläge verarbeiten

Wissenschaftler Killingsworth und Journalist Honore sind sich also einig: Je bewusster, achtsamer wir leben, desto zufriedener können wir werden – und somit glücklicher. Doch wie sieht es in traurigen, melancholischen, niederschmetternden Momenten aus? Lebten wir diese noch intensiver, wie zum Deibel sollten uns die negativen Gefühle glücklicher machen? Warum sollten wir so wahnsinnig sein, unglückliche Momente ausleben zu wollen? Wie soll uns das weiter bringen, würden sie uns nicht umbringen?

Harvard-Psychologe Dan Gilbert hat bereits vor 12 Jahren einen Vortrag gehalten, der nach wie vor aktuell ist: In „The surprising science of happiness“ beschreibt er, wie wir mit Gefühlen umgehen und wozu wir unterschiedlichste Gefühlslagen benötigen. Ein Teil unseres Gehirns, der präfrontale Cortex, ist u.a. für situationsangemessene Handlungen zuständig – basierend auf Erfahrungen, Erinnerungen und emotionalen Bewertungen. Dan Gilbert bezeichnet den präfrontalen Cortex als eine Art „Erlebnissimulator“, wir können uns den Ausgang einer Situation vorab vorstellen. Doch hier liegt die Krux: Wir simulieren gerne den Worst Case. Unser Gehirn lässt uns annehmen, dass bestimmte Ereignisse weitaus tiefreichender, schwerwiegender, schlimmer werden, als sie tatsächlich sein würden.

Kompass zum Glück

Eine Prüfung nicht zu bestehen, nicht befördert zu werden, der Tod von Angehörigen – so unglaublich es klingt, doch diese Ereignisse haben, wissenschaftlich betrachtet, weniger Intensität und Dauer als erwartet. Menschen kehren laut Dan Gilbert in einem verhältnismäßig kurzen Zeitraum zurück zur ihrer „Baseline“, einem „guten Grundgefühl“. Hier stellt sich natürlich – nicht nur für den Psychologen – die Frage: Warum wissen wir nicht, dass wir die Gabe haben, folgenschwere Ereignisse verarbeiten zu können? Gilbert ist sich sicher, dass es wichtig ist, dass wir nicht wissen, wie widerstandsfähig wir sind: „Denn wenn wir wüssten, dass wir nach einem bestimmten Zeitraum wieder glücklich sein können, würden wir dann überhaupt unser Bestes geben, um negative Ereignisse bestmöglich zu verhindern?“

„Unsere Gefühle sind ein Kompass.“
Dan Gilbert

Um eine der Anfangsfragen zu beantworten: Nein. Unser Gehirn ist nicht darauf ausgelegt, dass wir eine einzige Emotion konstant empfinden. „Unsere Gefühle sind ein Kompass“, sagt Dan Gilbert, „sie weisen uns den Weg.“ Wenn es einem schlecht geht, sucht man einen Weg heraus, wir biegen links ab, und wenn es uns gut geht, bleiben wir auf dem Weg, wir laufen weiter geradeaus. Doch wo wären wir, liefen wir nur stumpf geradeaus? Wir brauchen unterschiedliche Gefühle, um intensiv zu leben, uns zu entwickeln. Und um zu erkennen, was uns wirklich gut tut.

Dankbarkeit lernen

So, jetzt aber Tacheles: Worauf läuft das hier alles hinaus? Ganz simpel: Beim Glücklichsein geht es um das bewusste Fühlen, Erleben, Auskosten des Moments – Dankbarkeit für die kleinen Dinge zu spüren, für persönliche, wertvolle Augenblicke, um Kraft zu tanken für schwere Tage. Doch meistens halten wir nicht an, wir rasen durch’s Leben und verpassen oft die Möglichkeiten, achtsam, dankbar und somit glücklich zu sein. Wenn wir uns selbst Stoppschilder vorhalten, kurz innehalten und uns dessen, was in unserem Leben schön und wohltuend für uns ist, bewusst werden, und dann weiter machen – oder etwas ändern – können wir unser eigenes Glücklichsein erkennen. So kitschig das vielleicht auch klingen mag.