Nieder mit dem Brainstorming

Quelle: www.lifeofpix.com

Rückblick Schulzeit: Willkürlich benannte Schüler werden in Kleingruppen dazu verdonnert sich um eine Tischgruppe zu scharen, um gemeinsam eine superduper Idee für ein superduper Plakat zu finden. Das Thema: Sinnesorgan Auge. Ausstattung: Pappe, Tesa, Edding – der Bastelbedarf aus dem Innovationen gemacht sind. Am Ende sehen alle Plakate gleich aus. Schocker. Was damals so unschuldig „Gruppenarbeit“ genannt wurde, war in Wahrheit ein Vorbote aus der Arbeitswelt: Das Brainstorming.

Konferenzraum, zehn Jahre später: Statt um das Sinnesorgan Auge, drehen sich die Gedanken der heutigen Runde um die Inszenierung eines Softdrinks. Wir pitchen. Wir brauchen Ideen. Am besten nie dagewesene, am besten crazy. Pappe, Tesa und Edding sind auch wieder mit dabei. Déjà-vu.

Startschuss. Die Runde haut raus. Der Praktikant ist noch etwas schüchtern, die Teamchefin weiß, was so ein Softdrink braucht. Es hagelt Ideen und es hagelt Bedenken. Alles klingt so schön vertraut. Gab es die Idee nicht schon mal? Die Pappe ist voll, der Kopf leer, aber zufrieden ist irgendwie keiner. „Wir setzen uns einfach morgen noch mal zusammen“, so die erlösenden Worte. Morgen werden wir uns auf Fähnchen einigen.

Was kann das Brainstorming?

In den 30er Jahren erfand Alex F. Osborn das Brainstorming – Eine Methode, die Ideen im Minutentakt zutage bringen soll. Der gemeinschaftliche „Sturm auf Ideen“ wurde schnell zum Elvis der Kreativitätstechniken erhoben. Bis heute umjubelt, scheint das Brainstorming den Status der Unsterblichkeit erreicht zu haben. Aber hilft viel wirklich viel? Kann die Gruppe mehr als der Einzelne? Eine Vielzahl von Studien antwortet einstimmig: Nein.

Unter anderem wurde das Brainstorming in einem Experiment der Universität Utrecht noch einmal auf den Prüfstand gestellt. Das Ergebnis: Teilnehmer, die allein nach Lösungen suchen, produzieren 20 bis 50 Prozent mehr Ideen als Gruppen. Und das Schönste: Ihre Ideen sind sogar die originelleren.

Der Sozialpsychologe Brian Mullen kam in den 90er Jahren sogar zu dem Schluss, dass Qualität und Quantität der Ideen mit steigender Mitgliederzahl abnehmen. Eine Erkenntnis, die uns zu Schulzeiten schon einiges an Leid hätte ersparen können. Aber warum klappt es denn nicht, dieses Brainstorming?

„Nur wer das Redesäckchen hat, darf sprechen“, lautete damals schon die goldene Regel jeder Stuhlkreissituation. Beim Brainstorming läuft es genauso: Reden darf immer nur einer. Und das hemmt. Der Versuch, unsere eigenen Ideen nicht zu vergessen bis wir endlich dran sind, sorgt dafür, dass wir uns auf die Wortbeiträge der anderen nicht konzentrieren können. Das Brainstorming führt sich selbst ad absurdum.

Die Ruhe nach dem Sturm

Brainwriting, Disney-Methode oder Mind Mapping – An alternativen Kreativitätstechniken mangelt es nicht und der ein oder andere Kreative wird vielleicht vorzugsweise beim entspannten Feierabendbier von der Muse geküsst. Aber das Brainstorming ist den meisten inzwischen ans Herz gewachsen. Die Trennung fällt schwer und Routinen fühlen sich so schön wohlig an. Und es war ja auch nicht alles schlecht… Dennoch: Was es braucht, ist Mut sich vom Brainstorming zu lösen und ein bisschen zu spielen – jeder für sich, wo er mag und im eigenen Tempo. Mit Pappe, Tesa und Edding oder eben ohne.