„Einfach mal machen“ – Sarah Hüttenberend gründete Heimatsucher e.V.

Sarah Hüttenberend ist studierte Designerin, geborene Wuppertalerin und Leidenschafts-Mensch: Aus einer studentischen Arbeit heraus, gründete Sarah 2010 mit einer Kommilitonin den Verein HEIMATSUCHER e.V. – Ein echtes Herzensprojekt, wie sie sagt. Seitdem fließen Sarahs Zeit, Energie und Ideen in den Verein, dessen Ziel es ist, die Geschichten jüdischer Schoah-Überlebende zu dokumentieren und weiterzugeben. Bei Nutella-Brötchen und Minztee erzählt Sarah in ihrem Düsseldorfer Reich von Mut, Zukunftsvisionen und Geburtstagswünschen. Vorab aber ein paar harte Fakten und ein Blick in Sarahs Zuhause:

Lieblingssüßigkeit | Lakritz Salzbrezel
Stimmungsheber-Song | „If you want to sing out, sing out“ von Cat Stevens aus Sarahs Lieblingsfilm Harold & Maude
Lieblingsfarbe | Bunt
Ausruh-Ort | Am liebsten würde ich antworten, dass ich auf einen Baum klettern würde, aber das kommt doch zu selten vor. Dennoch: Zum Ausruhen gehe ich gern raus in die Natur.
Aufdreh-Ort| Überall da, wo laute Musik ist, aber auch mal beim Arbeiten.
Arbeiten ist… schön
Leben ist… ein Fest. Da muss ich an Ellisheva denken, eine der Zeitzeuginnen, die wir für HEIMATSUCHER interviewt haben. Sie hat gesagt: „Heute mache ich aus jedem Tag ein Fest“.
Rollentausch: Wen würdest du porträtieren? Pippi Langstrumpf und Ronja Räubertochter. Die fand ich immer toll.

Bei Sarah wird täglich getanzt - mindestens.

Bei Sarah wird täglich getanzt – mindestens.

Kokon Magazin: Sarah, wie fühlst du dich im Moment wenn du morgens aufstehst?
Sarah: Ich fühle mich momentan sehr gut morgens. Im Moment ist eine Phase, in der ich mich sehr aktiv fühle. Ich stehe auf und habe Lust was zu machen, bin meistens energiegeladen. Ich denke das liegt daran, dass es gerade gut läuft mit meinem kleinen Herzensprojekt: Der Verein wächst und wächst, das zieht einen mit und ich hab Lust, die Dinge voranzutreiben und noch mehr aus HEIMATSUCHER herauszukitzeln.

Erzähl uns ein bisschen von deinem Verein HEIMATSUCHER e.V.
HEIMATSUCHER war ursprünglich ein studentisches Projekt. Mittlerweile ist daraus ein Verein entstanden und jetzt gerade sind wir auf dem Weg zu einer sozialen Unternehmerschaft, so nenne ich es mal. Wir versuchen uns also mit HEIMATSUCHER selbstständig zu machen. Inhaltlich geht es darum, dass wir mit Geschichten von Holocaust-Überlebenden arbeiten. Also ein eigentlich sehr schweres und geschichtslastiges Thema. Der Fokus liegt auf der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, in Schulen und Ausstellungen. Man merkt in Deutschland, dass das Thema Holocaust oft mit erhobenem Zeigefinger angegangen wird und viele junge Menschen keine Lust mehr auf eine Auseinandersetzung haben und abgeschreckt sind. Genau das versuchen wir anders zu machen, indem wir über einzelne Lebensgeschichten an das Thema rangehen. Das sind Geschichten, die jeder nachvollziehen kann und für großes Interesse bei Kindern und Jugendlichen sorgen.

Sarah bei der Arbeit mit Schulklassen

Sarah und die HEIMATSUCHER besuchen Schulklassen.

2010 ging es los mit den HEIMATSUCHERN. Welche Entwicklung oder welches Erlebnis war in den letzten Jahren besonders wichtig für den Verein?
Ich glaube, neben den vielen Ehrenamtlichen, die mit der Zeit dazu gekommen sind, war der zweiseitige Artikel über uns in der ZEIT eine richtige Überraschung. Für den Verein hat der Artikel viel bedeutet, denn wir sind aus unserer lokalen Nische rausgekommen. Wir haben viel in NRW gemacht und sind zunächst über Mundpropaganda bekannter geworden. Mit dem Artikel haben wir plötzlich Menschen in ganz Deutschland erreicht und Post aus Bayern und Berlin bekommen. Das war für uns ein richtiger Schub.

Wir müssen nicht auf Teufel komm raus alles mitnehmen, wenn wir uns damit selbst kaputtmachen.

Seid ihr für die Entwicklung von HEIMATSUCHER e.V. einem konkreten Plan gefolgt oder passierte alles eher spontan?
Der Verein ist immer schon ganz natürlich gewachsen und ich glaube, dass das auch sehr gut für ein Projekt ist. Heutzutage versuchen Unternehmen oft stärker zu wachsen als sie es eigentlich können und gehen daran kaputt. Gerade im kleineren Bereich. Das haben wir bisher so nie gemacht. Das heißt, wir waren am Anfang zu zweit, dann haben sich weitere Mitglieder eingeklinkt, dann ergaben sich Möglichkeit, die wir genutzt haben – z.B. für unsere erste Ausstellung – und so hat sich alles schrittweise entwickelt. Wir hatten zunächst keine Erwartungen und haben plötzlich gemerkt: Das läuft, es geht weiter. Und so soll es auch weiterhin laufen. Es ergeben sich teilweise Möglichkeiten, die wir nicht wahrnehmen können, weil unser Team noch zu klein ist. Das ist aber nicht schlimm. Wir sagen: Wir müssen nicht auf Teufel komm raus alles mitnehmen, wenn wir uns damit selbst kaputtmachen.

Was ist es denn, was dich immer weitermachen lässt, auch wenn es schwierig wird?
Der Verein ist wie mein Baby. Jeder, der selbst schon mal ein Projekt hatte, das er wirklich gut fand und das er von Anfang an begleitet hat, kann das sicher verstehen. Ich kann mir im Moment nicht vorstellen, HEIMATSUCHER aufzugeben. Ich habe jeden Schritt mitgemacht, gesehen, wie alles gewachsen ist und wenn ich dann zurückschaue, bin ich auch ganz schön stolz. Das ist eine ganz emotionale Bindung und gleichzeitig bin ich von der Arbeit des Vereins auch einfach überzeugt. Wir bekommen tolle Rückmeldungen, werden für Tagungen angefragt und stehen im Austausch mit Gedenkstätten und Lernorten. Das bestätigt, dass wir mit dem Konzept den Nerv der Zeit treffen und sinnvolle Arbeit leisten. Das hat man heutzutage so selten und das ist so was Schönes. Ich will es einfach nicht missen und werde meine Seele da auch weiterhin nicht anderweitig verkaufen (lacht).

Die Schüler lernen Geschichten von Holocaust-Überlebenden kennen.

Die Schüler lernen Geschichten von Holocaust-Überlebenden kennen.

Abgesehen von der Entwicklung des Vereins – was haben die letzten Jahre mit dir persönlich angestellt?
Die schönste Entwicklung des Vereins ist es ja, dass aus einem Projekt zweier Freundinnen ein so großer Kreis an Helfern und Mitgliedern erwachsen ist. Das hängt auch sehr stark mit meiner persönlichen Veränderung zusammen. Meine Rolle hat sich geändert. Früher hatten wir beide keine Verantwortung. HEIMATSUCHER war unser Ding, unser Projekt. Wenn es nicht lief, lief’s eben nicht, keinem hat’s geschadet. Heute leite ich den Verein und muss entsprechend viel Verantwortung übernehmen. Das verändert auch die persönlichen Beziehungen. Und ich merke, dass mich das sehr fordert, dass es manchmal schwierig ist, ich aber sehr daran wachse.

Woran hast du erkannt, dass HEIMATSUCHER über das Studium hinaus weitergehen muss? Gab es einen bestimmten Auslöser?
Die Auslöser waren vor allem andere Menschen. Als wir das Projekt damals in der Abschlussprüfung, einer Ausstellung, vorgestellt haben, war unser Professor so berührt, dass er sich am Ende erst einmal wieder fangen musste. Das war das erste Mal, dass wir gemerkt haben: Ok, wir können mit diesen Geschichten, die wir gesammelt haben, andere Leute berühren. Genau das wollten wir immer und dachten schon da: Wir können noch nicht aufhören, wir müssen noch mehr Leute berühren. Letztlich waren es immer vor allem andere Menschen, die so begeistert waren, dass sie uns nahezu zum Weitermachen gedrängt haben und die für das Projekt noch viel mehr Möglichkeiten sahen und uns mit ihrer Sichtweite geholfen haben. Alleine hätten wir viele Ebenen, wie zum Beispiel eine Ausstellung im Landtag, wahrscheinlich nicht angestrebt.

Das „einfach mal machen“ birgt die Chance, dass man sein Herzensprojekt entdeckt.

HEIMATSUCHER ist dein Herzensprojekt und du bist mit extrem viel Leidenschaft dabei. Meistens ist es ja gar nicht so leicht, die eine berufliche Leidenschaft zu finden…
Ja… Ich habe auch unterschiedlichste Sachen studiert: Erst Kommunikationswissenschaften, dann Design. Ich hatte nicht die eine Vision fürs Leben. Ich bin da mehr meiner Intuition gefolgt. Und dass dieses Projekt gekommen ist, war schon zufällig. Ich glaube einfach, dass ich in dem Moment offen dafür war, nichts ausgeschlossen habe. Ich merke immer wieder, dass man bei so einem Projekt natürlich auch an Punkte kommt, an denen man sich fragt: Gehe ich den Schritt noch? Reicht‘s nicht jetzt? Und ich glaube, das Projekt ist deswegen so besonders für mich geworden, weil ich an vielen Stellen dann doch den Mut hatte, es einfach mal zu machen. Es gibt viele Leute, die gute Ideen und die Chance haben, das Herzensprojekt für sich zu entdecken. Aber dann gibt es die, die abwägen, zögern und es dann nicht machen. Natürlich kann man auch immer auf die Schnauze fallen, aber meistens hat man dadurch keinen großen Nachteil. Das „einfach mal machen“ birgt die Chance, dass man sein Herzensprojekt entdeckt.

Du hast zuletzt Design studiert und auch in dem Bereich gearbeitet. Eine Leidenschaft, die inzwischen zu wenig Raum einnimmt?
Ich bringe diese Seite von mir schon ein bisschen bei HEIMATSUCHER ein. Aber man kann nicht immer alles machen. Dafür kann ich gerade so viele andere Dinge tun, die ich mag. Ich vermisse das Gestalten eher in kleinen Momenten: Wenn ich schöne Dinge sehe, über einen wunderschön gestalteten Flyer oder eine tolle Konzertkarte stolpere, dann schon, aber eben nicht immer.

Ich hatte schon mehrere Visionen meines Lebens. Und da werden bestimmt auch noch einige kommen.

Hattest du auch mal das Gefühl, dass es so viele Dinge gibt, die du gerne machen würdest, dass es schwer war, sich zu entscheiden?
Ja, das ist auch schwer. Ich habe nach meinem Studium freiberuflich im Bereich Design gearbeitet. Ich wollte gerne promovieren, weil ich Wissenschaft auch sehr spannend finde. Ich hatte schon mehrere Visionen meines Lebens. Und da werden bestimmt auch noch einige kommen. Dann habe ich aber mit HEIMATSUCHER begonnen und bestimmt ein Jahr gebraucht, bis ich gemerkt habe: Das funktioniert nicht. Denn wenn man an allen Ecken und Enden arbeitet – und das mache ich sehr gerne – dann kommt man an all diesen Enden und Ecken nicht so weiter, wie man das gerne hätte. Das ist so frustrierend und ich habe dann die Selbstständigkeit im Bereich Design aufgegeben. Und obwohl das schade war, habe ich sofort gemerkt, dass mir ein Stein vom Herzen fiel, weil dieses Gefühl nicht allem gerecht werden zu können, wegfiel. Dann muss man konsequent sein

Anknüpfend daran: Kann es überhaupt eine Aufgabe, einen Beruf geben, der einen das ganze Leben lang erfüllt?
Ich glaube, die Idee ist utopisch und damit kann man sich auch schnell unglücklich machen. Weil man dann den Anspruch an sich hat, diese eine Sache finden zu müssen und findet man sie nicht, ist man unzufrieden. Ich glaube, es tut gut, wenn man die eine Sache für den Moment findet. Dass man sagt: Jetzt gerade ist das die Sache, auf die ich mich konzentrieren will – ohne den Zwang, nichts anderes mehr ausprobieren zu können. Das ist schwer, denn von außen werden auch Ansprüche an einen gestellt: Man soll Geld verdienen, einen sicheren, anerkannten Job haben, beziehungsweise überhaupt einen Job haben. Und dann soll man sich noch selbst verwirklichen? Das geht nicht immer alles auf einmal.

Sarah, du feierst in 57 Tagen deinen 30. Geburtstag. Was wünschst du dir?
Ich muss sofort an den Verein denken… Ich wünsche mir, dass ich ab meinem 30. Geburtstag Geld für das bekomme, was ich da mache. Damit ich weiterhin das tun kann, was mir Spaß macht und so wichtig ist. Was wünsche ich mir sonst? Einen Zirkuswagen und eine ganz tolle Fete mit meinen Freunden.

Danke Sarah und auf dass alle drei Wünsche in Erfüllung gehen!

Online kann man Sarah und die HEIMATSUCHER hier besuchen und bei der Gelegenheit, schaut man am besten auch noch bei Facebook und Twitter vorbei.