Vertrauensfrage Homeoffice

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Ab Juli dürfen unsere niederländischen Nachbarn hochoffiziell unfrisiert und in Jogginghose vom Küchentisch aus arbeiten: Das Recht auf Homeoffice tritt in Kraft. Bedeutet: Wer als Angestellter einen Antrag auf Heimarbeit stellt, hat gute Chancen. Denn auch wenn Arbeitgeber ihre Mitarbeiter weiterhin zu Anwesenheit verdonnern können, brauchen sie hierfür ab sofort hieb- und stichfeste Gründe. Heimarbeit würde den Betrieb in den finanziellen Ruin stürzen? – Guter Grund. Jemand muss da sein, um im Notfall Druckerpapier nachzufüllen? – Not so much. Aber was kann das Homeoffice und ist auch in Deutschland gesetzlicher Rückenwind nötig?

Bürostuhl versus Küchentisch

Wie alles im Leben, hat auch das Homeoffice Sonnen- und Schattenseiten: Die allmorgendliche Frage nach dem richtigen Outfit begrenzt sich auf die Entscheidung zwischen Kuschelpulli und Schlabber-Shirt, es müssen keine klebrigen S-Bahntüren auf dem Arbeitsweg passiert werden und fernab des Großraumbüros ist man vor verschnupften Kollegen und spontanen Meetings vorerst sicher. Der größte Luxus allerdings: absolute Ruhe. Auf der anderen Seite: Die räumliche Distanz erschwert direktes Feedback und spontane Absprachen. So eine gemeinsame Mittagspause ist ab und an auch ganz schön und einen prall gefüllten Schrank voller Post-its und bunter Textmarker haben auch die wenigsten im Wohnzimmer stehen.

Fazit: Küchentisch und Bürostuhl sind gleichermaßen daseinsberechtigt und ergänzen sich idealerweise. Je nach Gusto, Aufgaben und Tagesform, macht der eine oder der andere Arbeitsplatz produktiver und zufriedener. Dennoch, der klassische Bürotag ist immer noch Standard. Dabei belegt eine Studie der Stanford-Universität: Homeoffice hat Potential. Diejenigen, die sich bewusst für Heimarbeit entscheiden, arbeiten produktiver und effizienter – unter anderem, weil sie mehr Spaß an der Arbeit haben. Wahlfreiheit scheint also der Schlüssel zum Glück. Klingt einfach, ist es aber nicht.

Vertrauen ist gut, Anwesenheit ist besser

Obwohl das Potential von Homeoffice auf der Hand liegt und nicht-repräsentative Umfragen in meinem Bekanntenkreis den Wunsch nach Arbeitsplatzflexibilität lauter werden lassen, scheint der deutsche Angestellte sich nur schwer von Rollcontainer und Stifthalter trennen zu können. Nie gab es weniger deutsche Heimarbeiter. Woran liegt’s? Beziehungsweise: An wem?

Während niederländische Arbeitnehmer das neue Gesetz bejubelten, brach auf Arbeitgeberseite eine Protestwelle aus. Komisch eigentlich, laufen doch so viele Mitarbeiter zu Hause zu Glanzleistungen auf. Doch der Knackpunkt der Homeoffice-Diskussion scheint ein ganz anderer: Es geht um Vertrauen. Genauer gesagt: dessen Abwesenheit.

Experten und Erfahrungswerte zeigen auf: Der Wunsch nach Homeoffice scheitert oft an der Angst in der Chefetage. Chef und Chefin wollen ihre Schäfchen lieber da haben, wo sie sie sehen können. Arbeit soll kontrollierbar sein, Vertrauen in das Verantwortungsbewusstsein des Heimarbeiters scheint zu fehlen. Homeoffice hält sich in manchen Köpfen wacker als Synonym für Freizeit.

Präsenzkultur adé

Es ist Zeit, die veraltete Präsenzkultur hinter sich zu lassen und an einer Vertrauenskultur zu schrauben. Nicht nur, weil ein Arbeitsplatz, der den Bedürfnissen des Mitarbeiters entspricht, für bessere Ergebnisse sorgt. Misstrauen ist spürbar. Das frustriert und demotiviert. Leistung sollte am Ergebnis, nicht an abgesessenen Stunden gemessen werden. Meine Prognose: Die, die das Homeoffice als Sonderurlaub nutzen, werden schnell auffliegen. Und die anderen? Die werden auch in Jogginghose durch Vertrauenskick und Wahlfreiheit schlichtweg noch besser werden.